Geigen ein Bisschen anders

A3 Kultur

Iacov Grinberg (grinberg) am 27.04.2013

Die Ausstellung konischer Geigen aus Sicht eines Patentfachmannes

Der 8. internationale Violinenwettbewerb hat uns außer dem erwarteten musikalischen Vergnügen auch etwas äußerst Ungewöhnliches geschenkt – eine Ausstellung von konisch gebauten Geigen.

Was für komische „konische“ Geigen?! Der junge Geigenbaumeister Wolfgang Johann Stegmüller, der das Geigenbauhandwerk nicht irgendwo, sondern in Cremona, im weltberühmten Zentrum des Geigenbaues erlernte, zusammen mit seinem Vater Wolfgang Stegmüller haben es gewagt, in die im Laufe der Jahrhunderte unantastbare und darum fast heilige Form der Geige einzugreifen. Für seine Formveränderung erhielt er ein Patent.

Nicht jede Erfindung wird mit einem Patent gekrönt. Das Patentamt prüft vorher gründlich, ob es etwas ähnliches schon bekannt ist. Ein erteiltes Patent für eine Erfindung bestätigt, dass sie weltneu ist, dass noch keiner in irgendeinem Land im Laufe der ganzen menschlichen Geschichte etwas Ähnliches erfunden hat. Heute, wo Technik sich rasch entwickelt und in einem Airbus A-380 mehr als 2000 neue patentierte Erfindungen benutzt werden, ist der Begriff „Patent“ schon üblich geworden und hat seine Aureole teilweise verloren. Wieso sind dieses Patent und diese Erfindung so bemerkenswert?

Es sind schon in der ganzen Welt Abermillionen Patente erteilt. Aber in dem Bereich von Geigen gibt es nur eine Handvoll Patente. Und was die Form der Geige betrifft, ist dieses praktisch das einzige – das einzige im Laufe von jahrhundertealtem Geigenbau!

Die Aufgabe war einfach. Die Geige ist ein Barockinstrument, ein Geiger stand in Zentrum eines kleinen Saals und der Ton reichte für den ganzen Saal. Heute steht ein Geiger auf einer Bühne vor einem großen Saal und der Ton reicht einfach nicht für den ganzen Saal. Man müsste den Ton zu den Zuhörern ausrichten. Ausgerechnet das hat der Geigenbauer mit kleinen, für einen Nicht-Fachmann kaum erkennbaren Veränderungen der Zargen der Geige erreicht.

Während der Präsentationskonzerts am 24. April zeigten die neuartigen Geigen einen sehr schönen Klang und waren nach Schätzung der Fachleute deutlich besser hörbar als die üblichen Instrumente. Eine Geige, ein Cello und eine Bratsche neuer Bauart werden bereits seit einigen Jahren bei Konzerten im Münchener Konservatorium benutzt.

Der Erfinder wird durch dieses Patent kaum reich werden. Die Welt der Geigenspieler und -liebhaber ist sehr konservativ, eine Neuheit muss Jahrzehnte auf eine breite Anerkennung warten. Dieses Patent betont eher die Urheberschaft des Erfinders. Die Benutzung der Patente als Bestätigung der Weltneuheit und Urheberschaft ist bei den Schöpfern der großartigen Ideen keine Seltenheit.

Für mich war diese Erfindung ein deutlicher Hinweis, dass Handwerk in Deutschland noch lebendig ist und in seinen höchsten Erscheinungen die echte Kunst darstellt.

(Iacov Grinberg)

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