Dem Klangmysterium auf der Spur

SZ  MÜNCHNER KULTUR, Freitag, 21. April 2006

„Zu einer Stradivari-Geige muss man sich emporarbeiten“, meinte der große Yehudi Menuhin einmal respektvoll. Dabei wird man kaum eine kriegen. Denn die besten Exemplare der Violinaristokratie von Stradivari, Guarneri oder Amati kosten inzwischen Millionen und befinden sich in erlauchten Virtuosenhänden oder japanischen Banksafes. Es gibt also gute Gründe, hinter die Geheimnisse jener Geigenbaugenies aus dem Cremona des 16., 17. und frühen 18. Jahrhunderts zu kommen, um davon für den Geigenbau unserer Zeit zu profitieren. Ist es das Holz, womöglich nach den Mondphasen geschlagen, die Wölbung, der Stimmstock, die Dicke der Böden, vielleicht der Lack oder der Leim?

Kein Wunder, dass sich Geigenbauer, Musikologen und Physiker seit langem und immer wissenschaftlicher mit den verloren gegangenen Baugeheimnissen beschäftigen. Hatte man früher die alten Instrumente genau vermessen und dann mit mäßigen Resultaten kopiert, so kommen die entscheidenden Erkenntnisse inzwischen von den Klangakustikern, mittels Laserspektroskopie, Holzanalyse und Computertomographie. Peter Greiner, Geigenbaumeister in Bonn, arbeitet seit langem mit dem Physiker Heinrich Dünnwald von der TU Aachen zusammen und baut mit solchen Erkenntnissen neue Instrumente. Als wesentlich für die Klangcharakteristik haben sich bestimmte Obertonbereiche des Resonanzspektrums zwischen 2500 und 3000 Hertz erwiesen.

Auf Greiners Instrumenten spielen Christian Tetzlaff, früherer Konzertmeister der Münchner Philharmoniker, Isabell Faust und Mitglieder des Alban Berg und des Keller Quartetts. Und Friedrich Blutner, ein Sounddesigner aus dem Erzgebirge, entwirft seine Klone mittels Computersimulation. Seine Mimikrys aus Kohlenstoff und Fiberglas haben bereits beim Blindtest Experten ins Schleudern gebracht: Stradivari oder Blutner?

 

Auch bei den gut zwei Dutzend Münchner Geigenbauern tut sich einiges. Martin Schleske, Geigenbaumeister und Diplomphysiker erstellt mit seiner „Resonanzskulptur“ quasi einen akustischen Fingerabdruck, den er mittels Spektralanalyse in seiner Wirkung auf das Gehör   optimiert. Die neueste Innovation gelang dem Geigenbauer Wolfgang Stegmüller. Der engagierte Cellist beschäftigt sich in seiner Werkstätte „Fondagno Prope Lucca“ seit mehr als 20 Jahren mit dem Problem, das Klangvolumen der Streichinstrumente zu verbessern. Denn im modernen Konzertsaal kommt es nicht nur auf die Klangqualität an, sondern auf Durchsetzungskraft und Tragfähigkeit des Tones.

Stegmüller hatte die Idee, den Boden der Instrumente zu verkleinern und die Seitenteile schräg nach innen zu formen. Dadurch entsteht eine Art Schalltrichterwirkung. Die Schwingungen der Luftteilchen werden im Resonanzraum wesentlich stärker auf die klangabstrahlende

Decke konzentriert und sorgen so für einengrößeren, fokussierteren Ton. Wichtig dabei ist, dass seine neuen Modelle in ihren Abmessungen den klassischen entsprechen und deshalb die traditionelle Spieltechnik erlauben.

Damit überzeugte Stegmüller auch das Deutsche Patentamt. Es erteilte seiner Erfindung im vergangenen Jahr die Patent-Urkunde und attestierte ihr damit eine bedeutsame Innovation in der langen Geschichte des klassischen Violinbaus. Überzeugt hat er auch schon prominente Künstler, mit denen er zusammenarbeitet.

Der Cellist Daniel Müller-Schott spielte den Prototyp und war begeistert. Der Pianist Alfred Brendel gestand nach einem Vergleichsspiel mit einem Stradivari-Cello durch seinen Sohn, Adrian Brendel, dass das Stegmüller-Cello klanglich gleichwertig, in der Durchschlagskraft aber weit überlegen sei. Eine Gelegenheit, die Stegmüller-Instrumente zu erleben, gibt es am Sonntag, 23. April, im Gärtnerplatztheater. Um 11 Uhr spielt dort mit anderen Adrian Brendel Werke von Bach, Schubert, Schumann, Brahms und Debussy, durch das Konzert führen Wolfgang Stegmüller und Gärtnerplatz-Intendant Klaus Schultz. - KLAUS PETER RICHTER

 

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